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Micha-Sonntag 07
Micha-Fest
Kirchentag
G8 Gipfel

Micha zum G8-Gipfel

Hier finden sie:
+++ Bericht über Gebetstreffen in Rostock+++
+++ Interviews mit Detlef Blöcher +++ (1. Interview // 2. Interview)
+++ Pro & Contra: Sollen Christen beim G8 demonstrieren? +++


Internationales Gebetstreffen der Micha-Initiative
50 Jugendliche reisten vom 1. bis 3. Juni nach Rostock

Rostock/Essen - Mit 50 Jugendlichen aus den Niederlanden, Frankreich und Deutschland fand vom 1. bis zum 3. Juni das internationale Gebetstreffen der Micha-Initiative in Rostock statt.

An den drei Tagen erlebten die Teilnehmenden ein intensives Programm aus Seminaren, Workshops, Austausch und Gebet. In der Rostocker Marienkirche beteten sie für weltweite Gerechtigkeit und die Erreichung der UN-Millenniumentwicklungsziele bis zum Jahr 2015.

Zusammen mit vielen anderen Christen beteiligten sie sich am Gottesdienst vor der Großdemo in Rostock am 2. Juni. Reverend Joel Edwards (Großbritanien), Generaldirektor der Evangelischen Allianz in Großbritannien und Mitvorsitzender der internationalen Micha-Initiative, sagte in diesem Gottesdienst: „Millionen Menschen auf dieser Welt hoffen darauf, dass die G8 Staaten ihr Versprechen halten die extreme Armut bis 2015 zu halbieren. Wir wollen, dass die G8 Regierungschefs bei ihrem Treffen in Heiligendamm alles dafür tun, dass dieses Ziel erreicht wird.“
Neben Joel Edwards nahmen auch Geoff Tunnicliffe (Kanada), Direktor der Weltweiten Evangelischen Allianz, und Michael Smitheram (Australien), Internationaler Koordinator der Micha-Initiative, am Gebetstreffen in Rostock teil.

„Viele Menschen sind frustriert über die Armut auf dieser Welt und wir hoffen darauf, dass die Regierungschefs das ihrige tun, um Armut zu beenden. Aber Gewalt ist niemals die Antwort,“ kommentierte Michael Smitheram die gewalttätigen Ausschreitungen bei der Demonstration am 2. Juni in Rostock.

Zusammen mit unzähligen anderen friedlichen Demonstranten haben auch einige Besucher des Gebetstreffens an der Demonstration teilgenommen. Während gleichzeitig weiter in der Marienkirche gebetet wurde, beteiligten sie sich unter dem Motto „Another world is coming!“ (Deutsch: Eine andere Welt kommt!) am Demonstrationszug.

„Wir glauben nicht nur, dass eine andere Welt möglich ist, sondern wir glauben, dass sie kommt. Unsere Hoffnung ist, dass Gott sich am Ende mit seiner Gerechtigkeit durchsetzt. Darum beten und engagieren wir uns schon jetzt für Gerechtigkeit,“ erklärte Frank Mulder aus den Niederlanden die Motivation der jungen Christinnen und Christen.

Die Micha-Initiative ist eine weltweite Kampagne die Christinnen und Christen zum Engagement gegen Armut motiviert und die Staats- und Regierungschefs der Länder des Nordens und des Südens aufruft, sich für die Erreichung der Millenniumentwicklungsziele stark zu machen.
In Deutschland wird die Micha-Initiative von der Evangelischen Allianz verantwortet. Die Evangelische Allianz ist ein internationaler Zusammenschluss von 420 Millionen Christen weltweit.

Bei Rückfragen wenden sie sich bitte an Daniel Rempe, Koordinator der Micha-Initiative in Deutschland, unter 0177-4172818


Interviews mit Detelf Blöcher zum G8
idea, 31. Mai 2007 - Warum Evangelikale das Treffen in Heiligendamm (auch kritisch) begleiten Die weltweite evangelikale Micha-Initiative wirbt dafür, die sogenannten Millenniumsziele der Vereinten Nationen (u.a. Halbierung der Armut bis zum Jahr 2015) zu unterstützen. Einer der Motoren der Micha-Initiative im deutschsprachigen Raum ist Detlef Blöcher (Sinsheim bei Heidelberg), Leiter der Deutschen Missions-Gemeinschaft (DMG) und Vorsitzender der deutschen Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen (AEM). idea-Reporter Marcus Mockler sprach mit ihm über den Beitrag der Christen zum G8-Gipfel.

idea: Herr Dr. Blöcher, wie sollten Christen den G8-Gipfel in Heiligendamm begleiten?

Blöcher: Dort werden so wichtige Themen wie Klimaschutz, Globalisierung und Hilfe für Afrika ins Bewusstsein der Öffentlichkeit geführt - Themen, die uns Christen ja auch sehr beschäftigen. Das erste ist deshalb, dass wir dafür beten, dass dieser Gipfel den Menschen dient. Gebet ist das Wichtigste, was wir als Christen beitragen können; Gebet verändert die Welt. Verbunden damit sind natürlich auch Fragen an unseren eigenen Lebensstil, unser Konsumverhalten - ob wir beim Einkaufen beispielsweise nur das Billigste nehmen oder auch bereit sind, einen gerechten Preis zu bezahlen.

idea: Was tut die evangelikale Micha-Initiative denn konkret vor Ort?

Blöcher: Es gibt ein Gebetscamp in Rostock - das ist das Wichtigste, was wir dazu beitragen können. Und das sollte übrigens jeder Christ tun: für die Führer dieser Welt in der Fürbitte einstehen.

idea: Das Programm dieses Gebetscamps berücksichtigt auch die Möglichkeit zur Teilnahme an der Großdemonstration am 2. Juni. Sollten Evangelikale wirklich Hand in Hand mit sozialistischer Jugend und Linksradikalen gegen die Globalisierung marschieren?

Blöcher: Das wird von Christen sicher unterschiedlich gesehen. Ich werde bei der Großdemonstration nicht dabei sein, weil mir die Ziele und die Mittel dort zu diffus sind. Ich hätte Sorge, für andere Zwecke vereinnahmt zu werden. Andere Christen mögen in dieser Frage zu einem anderen Ergebnis kommen.

idea: Also warnen Sie auch nicht vor der Teilnahme an dieser Demonstration?

Blöcher: Christen sollen auf die Not dieser Welt aufmerksam machen, denn es ist ein Skandal, wie viele Menschen auf diesem Planeten in extremem Elend leben. Wenn die Demonstration hier zur Bewusstmachung dient, kann eine Teilnahme von Christen auch berechtigt sein.
Unredliche Globalisierung

idea: Müssen Christen denn generell Gegner der Globalisierung sein?

Blöcher: Nein. Christen waren von Anfang an eher Träger der Globalisierung; sie brachten beispielsweise Juden und Griechen in der Gemeinde zusammen. Aber die Globalisierung findet doch heute in manchen Bereichen gar nicht statt. Wir schotten beispielsweise unsere Märkte gegen Produkte aus Entwicklungsländern ab. Globalisierung betreiben die Industriestaaten, wenn sie davon profitieren; und wenn es etwas kostet, bauen sie Sperren dagegen auf. Das ist unredlich.

idea: Was bringen denn die politischen Forderungen überhaupt? Ob ein etwas geringerer Kohlendioxid die Erderwärmung bremsen kann, ist genauso umstritten wie ein Schuldenerlass, der korrupten Eliten in Entwicklungsländern hilft, aber die Armen so arm lässt wie zuvor.

Blöcher: Es gibt heute kaum noch ernst zu nehmende Wissenschaftler, die den Zusammenhang zwischen Klimaerwärmung und CO2-Ausstoß leugnen. Insofern können wir uns der Frage nicht entziehen: Wieviel Energie leisten wir uns? Was die Entschuldung anbetrifft: Manche Länder haben durch die Rückzahlungsverpflichtungen einen derart eingeengten Handlungsspielraum, dass für Schulen und Straßen kein Geld mehr bleibt. Dass man in manchen Entwicklungsländern gegen Korruption kämpfen muss, ist richtig und wird von vielen Globalisierungskritikern auch gefordert. Das Kerngebiet der Christen.

idea: Müsste man dann nicht viel mehr für christliche Entwicklungshilfe werben, weil Projekte über Kirchengemeinden und Missionswerke weniger korruptionsanfällig und nachhaltiger sind als staatliche Entwicklungshilfe?

Blöcher: Richtig. Darum sehe ich ganzheitliche Mission als den effektivsten Beitrag zur Entwicklung von Völkern. Seit Jahrhunderten haben Christen einen unschätzbaren Beitrag dazu geleistet - das ist eigentlich unser Kerngebiet. Als Christen wissen wir aber auch: Menschen können diese Welt nicht retten, wir werden kein Friedensreich schaffen. Das wird erst Christus bei seiner Wiederkunft tun.

idea: Vielen Dank für das Gespräch.


„Wir leben in einer gemeinsamen Welt“
dmgint.de - G8-Gipfel in Heiligendamm und die Hilfe für Afrika. Ein Interview mit Dr. Detlef Blöcher, dem Direktor der Deutschen Missionsgemeinschaft (DMG) und Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen (AEM).

dmgint.de: Herr Blöcher, der G8-Gipfel in Heiligendamm steht an. Ein Thema wird die Hilfe für Afrika sein. Was bringt die politische Forderung nach Schuldenerlass und einer Erhöhung der Entwicklungshilfemittel?

Blöcher: Ich bin sehr dankbar, dass das Elend in Afrika zu den Hauptthemen des Gipfels zählt. Jeder Mensch ist nach Gottes Ebenbild geschaffen und darum unendlich wertvoll. Das gilt auch für ein Straßenkind in Daressalam und eine Flüchtlingsfrau in Darfur. Darum ist es ein Skandal, dass heute noch 800 Mio. Menschen unterernährt sind und jeden Tag etwa 20.000 Kinder an einfachen Infektionskrankheiten versterben. Das muss uns alle innerlich aufwühlen und umtreiben.
Manche Länder haben durch ihre Rückzahlungsverpflichtungen einen derart eingeengten Handlungsspielraum, dass für Schulen, Krankenhäuser und Straßen kein Geld mehr bleibt. Bei solchen extrem überschuldeten Staaten führt wohl kein Weg an einem Schuldenerlass vorbei – faule Kredite müssen irgendwann abgeschrieben werden – und die frei werdenden Finanzen in sinnvolle Entwicklungsprojekte investiert werden.
Mit großer Sorge sehe ich jedoch, wie einige der entschuldeten Staaten jetzt neue chinesische Kredite aufnehmen und die Überschuldung von neuem beginnt. Zudem muss in den Entwicklungsländern entschieden gegen Korruption und Selbstbereicherung, Misswirtschaft und ineffiziente Verwaltung vorgegangen werden. Es bedarf mehr Markt und weniger Planwirtschaft, klarer Eigentums- und Bürgerrechte, um nachhaltige Entwicklung zu ermöglichen. Außerdem ist eine sorgfältige Kontrolle der Verwendung von Hilfsgeldern nötig. Die Gutgläubigkeit und Nachlässigkeit westlicher Geldgeber erleichtert den Missbrauch.

dmgint.de: Kritiker wenden ein, dass Hilfe oft mehr schadet als nützt, weil sie die Eigenverantwortung untergräbt.

Blöcher: Kritische Anfragen an die gegenwärtige Entwicklungshilfepraxis sind erlaubt, doch möchte ich zunächst unsere globale Mitverantwortung betonen. Elend und Bürgerkriege sind nicht nur das Problem dieser Länder; sie sind eine moralische Anfrage an uns alle. Zudem führen sie zu Flüchtlingsströmen nach Europa. Spätestens dann wird es auch unser politisches Problem. Die Verzweiflung von unzähligen Menschen führt weiter zur politischen und religiösen Radikalisierung, und oft zu Hass gegen den Westen, für die wir später mit Unsummen für Friedensmissionen und die eigene Sicherheit teuer bezahlen. Wir leben in einer gemeinsamen Welt!
Darum denke ich, dass die Investition in intelligente, ganzheitliche Entwicklungsprojekte sehr gut angelegt ist. Gut gemeint reicht aber nicht, und „mehr“ ist nicht immer besser. So beklage ich die starke Kapital-Lastigkeit vieler Entwicklungsprojekte. Das führt zu politischer und wirtschaftlicher Abhängigkeit, und es erleichtert den Missbrauch der Hilfsgelder. In einigen Ländern sieht man einen fatalen Zusammenhang: je mehr Entwicklungshilfe, desto weniger wirtschaftliche und soziale Entwicklung. Zudem beklage ich die Konzentration auf Projekte im öffentlichen Sektor (Regierungsprojekte), statt Nichtregierungsorganisationen und insbesondere soziale Marktwirtschaft zu fördern, beispielsweise durch die Vergabe von Kleinkrediten. Eigeninitiative und Eigenverantwortung müssen viel stärker gefördert werden, Hilfe zur Selbsthilfe. Die effektivste Entwicklungshilfe sind nach meiner Meinung Handelserleichterungen. Doch da schottet die EU beispielsweise ihren Agrarmarkt ab. So bleibt unser Ruf nach freiem Handel unglaubwürdig.

dmgint.de: Wie müssten Ihrer Meinung nach Entwicklungsprojekte aussehen?

Blöcher: Der Schwerpunkt müsste viel stärker auf kleinen Projekten mit geringem Kapital- und hohem Personaleinsatz liegen. Es gilt, mit der Bevölkerung vor Ort zusammenzuleben, auf sie zu hören und gemeinsam mit ihnen Projekte zu entwickeln. Echte Partnerschaft und Partizipation; gemeinsames Lernen auf gleicher Augenhöhe, Entwicklungszusammenarbeit eben. Viele Projektleiter klassischer Projekte sind einheimische Experten, die zum Bildungsbürgertum gehören, ihre Ausbildung im Westen erhalten haben und jetzt in der Hauptstadt leben. Sie gelten als „einheimische Partner“, haben sich jedoch oft von der betroffenen Bevölkerung weit entfernt.
Es kommt darauf an, mit den Betroffenen zusammenzuleben, ihre Sorgen und Nöte echt kennenzulernen, mit den Menschen zu teilen und ihnen auch seelsorgerlich beizustehen. Darum kommt der Zusammenarbeit mit lokalen Kirchen eine besondere Bedeutung zu. Darum haben ausländische und einheimische Missionare einen unschätzbaren Einfluss, denn sie leben bei den Menschen.

dmgint.de: Nun ist Mission ja sehr umstritten, gerade in der Entwicklungszusammenarbeit. Nutzt sie nicht die Not der Schwachen aus?

Blöcher: Mir ist bewusst, dass die Regierungen zu weltanschaulicher Neutralität verpflichtet sind. Andererseits wird von westlicher Seite her ein materialistisches Wirklichkeitsverständnis ganz selbstverständlich vorausgesetzt. Da gilt: Es gibt nur das, was ich sehen und wissenschaftlich erforschen kann. Man geht zudem von einem optimistischen Menschenbild aus, dass der Mensch an sich gut ist und nur etwas Schulung oder Mittel benötige. Man lebt in einem „Machbarkeitswahn“, dass alle Probleme lösbar und beherrschbar seien. Dies alles sind weltanschauliche Konzepte, eine Art atheistische Religion. Hier wird deutlich, dass jeder Mensch sein (metaphysisches) Weltbild mitbringt, das seine Werte prägt und sein Handeln bestimmt. Die Frage ist nur, ob der Betreffende sich seiner Denkvoraussetzungen bewusst ist – oder sie naiv als für alle verbindlich voraussetzt. Darum brauchen wir eine Wende in der Entwicklungspolitik.
Ich schätze es, dass die deutsche Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Heidemarie Wieczorek-Zeul die soziale und kulturelle Prägung der Partnerländer stärker berücksichtigt als ihre Vorgänger. „Kultur“ beschränkt sich jedoch nicht nur auf Folklore, Ausdrucksformen und Entscheidungsfindung. Die meisten Kulturen sind entscheidend von den jeweiligen Religionen geprägt, dem Bewusstsein der Transzendenz. Das bestimmt das Leben der Menschen vor Ort. Darum nützen Dorfgesundheitsprogramme nichts, wenn die Menschen eine Erkrankung als Folge eines Zaubers verstehen, und deshalb herauszufinden versuchen, wer den Betroffenen mit einem Fluch belegt hat und wie man einen Gegenzauber initiieren kann. Dann nützt es nichts, von Mikroben und Hygiene zu lehren.
Ein anderes Beispiel: Viele Landwirtschaftsprojekte haben bei Naturvölkern keine Nachhaltigkeit, da sie den Erdboden als mit Geistern beseelt ansehen, so dass jede Bodenbearbeitung, erst recht das Anlegen von Terrassen, einen Tabubruch darstellt. Aufforstungsprojekte haben keine Chance, wenn ein Wald als Aufenthaltsort der bösen Geister angesehen wird, vor denen man sich fürchtet. Wo das Leben darin besteht, die Geister zu besänftigen und nur kein Tabu zu brechen, haben traditionelle Entwicklungsprojekte wenig Nachhaltigkeit.
In Indien wird es keine soziale Entwicklung geben, solange sich Brahmanen als geboren-zum-Herrschen verstehen und die Dalits (Unberührbaren) als von den Göttern verflucht, geboren um zu dienen und sich missbrauchen zu lassen.
In all diesen Beispielen wird die Entfremdung des Menschen von unserem Schöpfer deutlich. Menschen und Gesellschaften werden erst neu, wenn sich ihr Weltbild und Selbstverständnis verändert.
Die meisten Völker der Welt haben ein tiefes Bewusstsein für die transzendente Wirklichkeit. Sie haben das Wirken von Dämonen schon hautnah miterlebt, die tatsächlich Krankheit und Tod verursachen können, – nicht umsonst reden wir sprichwörtlich von der „Heidenangst“. Sie schütteln verständnislos den Kopf über säkulare westliche Entwicklungskonzepte. Die Begegnung mit dem lebendigen Gott macht frei von alten Bindungen und Ängsten, und diese Begegnung gibt es nur in Jesus Christus. Viele Menschen sehnen sich nach umfassender Befreiung. Sie suchen ganzheitliche Hilfe nach Leib, Seele und Geist. Voneinander lernen, miteinander wachsen, miteinander unterwegs sein. Dazu können einheimische und ausländische Missionare wertvolle Impulse geben. Darum ist die grundsätzliche Polemik gegen Mission einseitig und unangebracht.

dmgint.de: Wie kann dann nachhaltige Entwicklung geschehen?

Blöcher: Auf einer Podiumsdiskussion über entwicklungspolitische Fragen rief mein Diskussionspartner zu selbstlosem, altruistischem Handeln auf. Ich fragte ihn zurück: Woher kommt die Kraft, den anderen höher zu achten als mich selbst, selbstlos zu handeln und sich den Konventionen einer Gesellschaft zu widersetzen? Wie kann ein Mensch denen vergeben, die ihn misshandelt haben?
Dies ist nur durch die Kraft Gottes möglich. Nur veränderte Menschen werden für eine andere Welt wirken. Ein brasilianischer Pastor drückte seine Beurteilung von Entwicklungsprojekten folgendermaßen aus: „Ihr Europäer holt die Menschen aus dem Slum, doch ihr vergesst, den Slum aus dem Menschen zu holen.“ Eine innere Transformation des Menschen ist erforderlich. Menschen benötigen nicht nur Nahrung, Werkzeuge und Know-how; sie brauchen vor allem Vergebung ihrer Schuld, die Befreiung von geistlichen Bindungen, das neue Leben in der Gemeinschaft mit Gott – und das gibt es nur in Christus. Sie brauchen eine christliche Gemeinschaft, in der sie einander ergänzen und ermutigen können, miteinander leben, voneinander lernen, damit das neue Leben sich entfaltet. Es beginnt hier und heute und reicht über den Tod hinaus.
Von Gott reich beschenkt, schenken sie an andere weiter. Weil Gott für sie sorgt, darum brauchen sie nicht nur den eigenen Vorteil zu suchen. Eine Ewigkeit bei Gott erwartet sie, darum können sie hier verzichten. Mit Gott versöhnte Menschen engagieren sich ganz selbstverständlich für Versöhnung zwischen Menschen und Völkern. Das haben wir auch in Europa erlebt, als zum Beispiel die Erweckungsbewegung im 18. Jahrhundert unter Charles Wesley in England zu einer sozialen Erneuerung geführt hat und diesem Land eine „französische Revolution“ erspart hat. Zum anderen denke ich an den frühen Pietismus in Süddeutschland, der wichtige soziale Reformen eingeleitet hat. Und an die soziale Marktwirtschaft, die aus der christlichen Ethik entwickelt wurde.
Darum kommt christlichen Gemeinden vor Ort eine ganz besondere Rolle in der nachhaltigen Entwicklung zu. Und Missionare arbeiten heute in enger Partnerschaft mit einheimischen Kirchen zusammen, meist unter deren Leitung!

dmgint.de:
Dann müsste man eigentlich noch viel mehr für christliche Entwicklungshilfe werben?

Blöcher: Richtig. Ich sehe ganzheitliche christliche Mission als den effektivsten Beitrag zur Entwicklung von Völkern und Nationen. Veränderte Menschen erneuern ihre Gesellschaft. Seit Jahrhunderten haben Christen in dieser Hinsicht einen unschätzbaren Beitrag geleistet – umfassende Hilfe, das ist eigentlich unsere Kernkompetenz. Gelebter Glaube im Alltag. Als Christen wissen wir aber auch: Menschen werden diese Welt nicht retten, wir werden hier kein Friedensreich schaffen. Das wird erst Jesus Christus bei seiner Wiederkunft tun. Doch bis dahin leben Christen im Alltag mit Gott und setzen in ihrem Umfeld Zeichen der Hoffnung, Zeichen des neuen Lebens in Jesus Christus, das alle Lebensbereiche durchdringt.

dmgint.de: Wie sollten Christen den G8-Gipfel in Heiligendamm konkret begleiten?

Blöcher: Das erste und wichtigste ist, den Gipfel im Gebet zu begleiten, dass die Beratungen der mächtigsten Politiker den Menschen dient. In Rostock gibt es dazu ein Gebetscamp, in dem Jugendliche aus vielen Ländern für den Gipfel beten. Doch auch in unserem persönlichen Gebet sollten wir Heiligendamm begleiten, denn Gebet verändert die Welt. Und wo Menschen sich Gott zuwenden, da redet Gott auch, und er verändert die Beter. So wird aus unserem Gebet immer auch eine Anfrage an unseren eigenen Lebensstil, unser Konsumverhalten – ob wir beim Einkaufen beispielsweise immer nur das Billigste nehmen, oder auch bereit sind, einen gerechten Preis zu bezahlen. Ob wir nach Sozialstandards in den Produktionsstätten fragen, Leserzuschriften an Zeitungen und Radiosender schreiben oder einmal unseren Bundestagsabgeordneten kontaktieren... So können wir alle Weltverantwortung übernehmen. Gebet und gelebter Glaube, darauf kommt es an heute.

dmgint.de:
Vielen Dank für das Gespräch.
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  Pro & Kontra: Sollen Christen beim G8-Gipfel demonstrieren?

(idea, 31. Mai 2007) An den Demonstrationen und Protesten zum G8-Gipfel in Heiligendamm beteiligen sich zahlreiche kirchliche Gruppen bis hin zu Evangelikalen. Der Jugendpfarrer und Leiter des evangelikalen Weigle-Hauses in Essen, Rolf Zwick, begrüßt dieses Engagement in einem Beitrag für die Evangelische Nachrichtenagentur idea. Der Vorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises der CDU Nordrhein-Westfalen, Volkmar Klein MdL (Burbach bei Siegen), hält es dagegen für falsch. Wir dokumentieren beide Beiträge, die aus unserer Sicht gar nicht weit auseinanderliegen.


Pro:  "Die Armut ist gegen Gottes Willen!"
Im Vorfeld des G8-Gipfels geht es in der Öffentlichkeit vor allem darum, wie gewalttätige Proteste verhindert werden können. Welche Rolle das Gipfeltreffen jedoch für die Armen der Welt spielt, findet kaum Beachtung. Dabei erwarten sie von den mächtigsten Wirtschaftsnationen Initiativen für eine gerechtere Welt. Insbesondere Geschwister aus Afrika und Lateinamerika haben uns Christinnen und Christen in den reichen Ländern eindringlich gebeten, uns mehr für Armutsbekämpfung und Schuldenerlass einzusetzen und das auch die beim G8-Gipfel versammelten Regierungsvertreter hören zu lassen. Wir dürfen deshalb nicht schweigen. Auf diesem Hintergrund organisiert die Micha-Initiative der Evangelischen Allianz am Wochenende vor dem G8-Gipfel ein Jugend-Gebetscamp in Rostock. Dazu werden Teilnehmende aus den Niederlanden, Großbritannien, Frankreich und Deutschland erwartet. Durch dieses Camp bringen sich evangelikale Christen mit Unterstützung des EC, des CVJM und der 24/7 Gebets-Bewegung in die Gipfelproteste ein. Die Micha-Initiative beteiligt sich auch an einem Gottesdienst bei der zentralen Demonstration am 2. Juni in der Rostocker Marienkirche. Es kann uns nicht kalt lassen, dass 800 Millionen Menschen unterernährt sind und täglich 20.000 Kinder sterben. Viele arme Länder zahlen mehr Schulden, als sie an Entwicklungshilfe bekommen. Wir wissen, dass das nicht richtig ist. Der Prophet Micha sagt in Kap. 8, Vers 6: "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert." Die Armut ist gegen Gottes Willen! Deshalb engagieren sich Christen überall auf der Welt in Entwicklungsprojekten und verkündigen das Evangelium von Jesus Christus gerade da, wo Armut und Unterdrückung herrscht. Sie wissen aber auch, dass die Entscheidungen der G8-Regierungen gravierende Auswirkungen auf die Länder des Südens haben. Deshalb wollen wir die Regierenden daran erinnern, dass sie sich mit den UN-Millenniumszielen selbst verpflichtet haben, die Armut bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Außerdem sollen 0,7% des Bruttosozialprodukts in die Entwicklungshilfe gehen; in Deutschland sind es nur 0,3%. Um Gottes Kraft für Veränderungen wollen wir beten. Um Gottes willen muss die Stimme der Christen für eine gerechtere Welt beim G8-Gipfel hörbar werden.

Rolf Zwick, Essen


Kontra: Es gibt bereits große Fortschritte
In einer konkreten Sachfrage können Christen selbstverständlich von der gemeinsamen Wertebasis aus zu völlig verschiedenen Meinungen kommen. Proteste und Demonstrationen gehören zu den möglichen Ausdrucksformen, um dafür zu werben. Ich habe aber überhaupt kein Verständnis dafür, dass jemand schon gegen eine Konferenz protestiert. Dass sich die obersten Repräsentanten der wichtigsten Industriestaaten informell und friedlich treffen, sollte von Christen eher dankbar begrüßt werden: Es ist historisch alles andere als selbstverständlich. Außerdem geht es inzwischen traditionell beim G8-Gipfel um weit mehr als die bloße Absicherung eigener Interessen. 1999 wurden unter deutscher G8-Präsidentschaft in Köln große Fortschritte bei der HIPC-Initiative zur Entschuldung der ärmsten Länder vereinbart. In Heiligendamm steht "Wachstum und Verantwortung in Afrika" mit den Themen nachhaltige Investitionen, Frieden und Sicherheit sowie AIDS-Bekämpfung auf der Tagesordnung. Christen sollten das konstruktiv begleiten und nicht durch dumpfe Proteste gefährden. Man kann beklagen, dass Globalisierung überall für Veränderungen sorgt und damit bei ganz vielen Menschen Verunsicherung auslöst. Aber zurückdrehen kann man beispielsweise die weltweiten Kommunikationswege nicht mehr. Wir sollten das auch nicht wollen: Wenn heute Software-Ingenieure aus Indien die Chance haben, von ihrer Heimat aus per Internet bei uns zu arbeiten, dann kann man das auch als Beitrag zu größerer weltweiter Gerechtigkeit sehen. Technische Möglichkeiten öffnen Märkte, die früher verschlossen waren, und schaffen Arbeit, wo früher keine war. Wir dürfen nicht Globalisierung pauschal verurteilen. Stattdessen müssen wir im Detail daran arbeiten, dass zum Beispiel Afrika wirklich neue Chancen bekommt. Aber auch daran, dass notwendige Veränderungen bei uns von den Menschen bewältigt werden können. Dafür dürfen wir beten, dazu müssen wir aber auch kräftig anpacken. Und als Christen dürfen wir dabei aber ein wenig mehr Zuversicht ausstrahlen.

Volkmar Klein MdL, Siegen


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