Micha-Kolumne: Wenn Protest und Kirche aufeinander prallen


Am Samstag, dem 15. Oktober 2011, fand sich die St Paul's Cathedral, eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Londons und einer der wichtigsten Orte der anglikanischen Kirche auf einmal der weltweiten Aufmerksamkeit ausgesetzt. Nein, nicht wegen einer königlichen Hochzeit, sondern  wegen Protestierenden der „Occupy London“ Bewegung. Sie zeigen sich solidarisch mit ähnlichen Protesten in anderen Städten der Welt und sagen von sich: „Wir sind die 99%“. Sie stimmen mit ihnen darin überein, dass das „gegenwärtige System undemokratisch und ungerecht“ ist und fordern Alternativen, um eine bessere Zukunft für alle zu ermöglichen. Ursprünglich wollten sie sich vor der Londoner Börse versammeln, wurden aber von der Polizei daran gehindert. Also wichen sie  auf benachbarten Platz vor St Paul's aus.

 


Diese spontane Reaktion der Protestierenden hat innerhalb der Kathedrale, eigentlich eher bekannt als ein Symbol des Establishments, zu großer Aufruhr und offensichtlichen Meinungsverschiedenheiten geführt. Als die Polizei den Platz räumen wollte, wurde sie von Giles Fraser, einem der  Domherren von  St Paul's, nicht nur daran gehindert, sondern die Protestierenden  wurden vor laufenden Kameras offiziell willkommen geheißen und eingeladen, vor der Kathedrale „ihr Recht auszuüben, friedlich zu protestieren“. Fraser ist als Domherr auch für die Leitung des St Paul's Instute zuständig. Dieses Institut sucht nach christlichen Antworten auf ethische und geistliche Fragen unserer Zeit. Zur Zeit werden dort vor allem Fragen um „finanzielle Integrität, wirtschaftliche Theorien und ihre Bedeutung für das Allgemeinwohl“ diskutiert. Für Fraser war das Thema der Protestierenden also im doppelten Wortsinn „right down his street“, also genau sein Fall und in seiner unmittelbaren Nachbarschaft.

Der Prostet ging also weiter, aber die Kathedrale würde offiziell aufgrund von Sicherheitsgründen geschlossen – die Konsequenzen waren finanzielle Verluste für die vom Tourismus lebende Kirche.  Elf Tage nach der Schließung kündigte Giles Fraser, weil er die Entscheidungen der Leitung von St Paul's aus Gewissensgründen nicht mehr mittragen konnte. Wenige Tage später kündigte der Dekan, also der Leiter der Kathedrale , weil er sich selbst nicht als der Richtige für die Aufgabe fühlte, St Paul's durch diese turbulente Zeit zu führen. Natürlich war die Presse bei all diesen Ereignissen live dabei und berichtete ausführlich über die Auswirkungen der Proteste.

Wie kommt es, dass ein friedlicher Protest bei St Paul's solche Wellen schlägt?  Ist es die alte Frage, die in Deutschland ja durchaus auch nicht unbekannt ist, was denn nun genau die Rolle von uns Christen in der Welt ist und, vor allem, wie weit unser Engagement mit und in der Welt gehen soll?

Die Protestierenden mögen ein etwas „chaotischer Haufen“ sein und sich auch nicht so ganz einig sein in ihren konkreten Forderungen, aber: Sie zelten auf dem inzwischen nass-kalten Platz, weil sie ihre Frustration und Ärger über das gegenwärtige ungerechte System nicht mehr hinnehmen wollen und das deutlich machen wollen mit konkreten Aktionen. Ihre Anwesenheit verhindert, dass alles so weiter geht wie bisher. Vor solchen mutigen und ausdauernden Leuten kann man doch nur den Hut ziehen und eigentlich sollte da doch jeder der „99%“ mitmachen oder es zumindest befürworten oder? Wir Christen doch eigentlich umso mehr, da es doch unser prophetischer Auftrag ist, für Gerechtigkeit und eine bessere Welt für alle einzustehen. So gibt es nun in England und weltweit auch immer mehr christliche Organisationen und Gemeinden, welche die Protestierenden ganz konkret unterstützen und ihre Solidarität in Wort und Tat (Essen, warme Getränke, Erklärungen etc.) zeigen.
Jim Wallis, ein alter Hase in evangelikalen und anderen christlichen Protestbewegungen in den USA, der auf Besuch in London war und bei diesem Anlass auch das Occupy Camp besuchte, geht sogar noch etwas weiter. Laut der Church Times hält er diesen Protest an den Stufen der Kathedrale für „eine außergewöhnliche Möglichkeit für Mission, Gastfreundschaft und Evangelisation“. Es sei „sehr eindrücklich und angemessen“, dieses Camp unmittelbare vor der Kathedrale zu haben, und ein „prophetisches Zeugnis“, wie es sich die Kirche nur wünschen könne.

Inzwischen ist fast so etwas wie Alltag eingekehrt: Die Kathedrale ist wieder geöffnet und die Protestierenden haben sich so organisiert, dass Notzugänge frei gehalten werden, Toilettenhäuschen aufgestellt wurden und allgemeine Sicherheits- und Gesundheitsvorschriften beachtet werden. Zudem finden auch regelmäßig Gespräche zwischen der Leitung von St Paul's und den Protestierenden statt. Und die Kathedrale hat nun auch begonnen, einen Dialog mit Verantwortungsträgern aus der Finanzindustrie zu ermöglichen – moderiert von einem renommierten Banker der Londoner City,  der selbst auch Christ ist. In einem Artikel in der Financial Times plädiert er dafür, dass Ethik und Finanzwirtschaft stärker miteinander verbunden werden müssen.

„Unternehmen können nicht funktionieren, Banken können kein Geld verleihen und Gesellschaften können nicht gedeihen ohne gegenseitiges Vertrauen und Respekt und ohne grundlegende Ehrlichkeit und Integrität. Kurzfristig können sie das, wie wir ja auch gesehen haben, sehr zum Vorteil einzelner Akteure. Aber ein solches System ist einfach nicht nachhaltig.“ Er ruft die Banker auf, die „Sprache der Moral“ zu lernen und gesteht ein, dass dies für viele eine Fremdsprache ist.

Die Leute von der St Paul's Cathedral stellen sich nun der Herausforderung, die ihre geographische Lage – umgeben von der Londoner City, also dem Herzen der Finanzindustrie, und den Protestierenden vor der Tür – mit sich bringt. Sie haben die tolle Möglichkeit, eine Verbindung zwischen Protestierenden und den Finanz- und Wirtschaftsleuten herzustellen.

Zu Advent und Weihnachten geht es ja um den Gott, der mitten in die Welt gekommen ist – als Licht, als Versöhner und als Heilsbringer. Gott fordert auch uns auf, Licht zu sein und Versöhnung zu bringen. St Paul's macht genau das und dazu kann man ihnen nur Gottes Segen und viel Weisheit wünschen. Und beten, dass der Heilsbringer bei Protestierenden und Geschäftsleuten in den Herzen einziehen darf.


Regine Nagel arbeitete mehrere Jahre für das internationale Büro von „Micah Challenge“, der internationalen Micha-Initiative.  Heute ist sie Mitarbeiterin des „Global Network for Disaster Reduction“ in London. Sie ist Mitglied im Arbeitskreis der deutschen Micha-Initiative.