gut zu (er)tragen? Häufig gestellte Fragen

 

Diese Fragen werden zu unserer Kampagne "gut zu (er)tragen?" immer wieder gestellt. Deine Frage ist nicht dabei oder die Antwort reicht dir nicht aus? Dann schreibe uns an info@micha-initiative.de.

 

Untergraben verbindliche Sozialstandards und der faire Handel nicht die Wettbewerbsvorteile mancher Entwicklungsländer? Gehen dann nicht Jobs verloren?


VENRO schreibt dazu: „Es gibt keine empirischen Belege dafür, dass Länder, in denen die Agenda für menschenwürdige Arbeit (Decent Work Agenda) der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) verfolgt wird, im Wettbewerb schlechter abschneiden. Im Gegenteil kann beispielsweise der „soziale Dialog“ zwischen Regierungen, Arbeitgebern und Gewerkschaften helfen, soziale Spannungen abzubauen und produktiver zu arbeiten. Hinzu kommt, dass Menschen, die eine gute Arbeit mit einem ausreichenden Einkommen haben, durch ihre privaten Ausgaben die Binnennachfrage stützen und damit zur Wirtschaftsentwicklung beitragen.“ (aus VENRO-Heft „Menschenwürdige Arbeit durchsetzen – Bei uns und weltweit!“, Bonn; Berlin, 2014, S. 16)

Untergräbt der Mindestlohn nicht die Wettbewerbsvorteile mancher Entwicklungsländer? Gehen dann nicht Jobs verloren?


Die Kampagne "Lohn zum Leben" schreibt dazu: " Der Lohnkostenanteil für die Produktion macht nur gerade 1-3% des Endverkaufspreises aus. Selbst wenn der Lohn der NäherInnen also verdoppelt würde, wäre das nur ein kleiner Betrag für einen Modekonzern. Markenfirmen müssen also endlich aufhören, tiefe Löhne als Standortvorteil zu sehen und Länder gegeneinander auszuspielen.

Es ist nötig, in die Ausbildung, Infrastruktur und langfristige Zusammenarbeit mit Lieferanten zu investieren, so dass Produktivität, Verlässlichkeit oder vertikal integrierte Produktionsketten zu Standortvorteilen auf dem globalen Markt werden können. Lohnerhöhungen führen in vielen Fällen zu direkten Qualitätssteigerungen. ArbeiterInnen wechseln weniger oft den Arbeitsplatz, sind weniger oft krank, sind motivierter und produktiver und erhöhen so die Wettbewerbsfähigkeit des Lieferanten.“ (http://lohnzumleben.de/top-10-ausreden-der-bekleidungshaendler-und-marken) Abgesehen davon bedeutet ein gesetzlicher Mindestlohn in den Textilproduktionsländern noch nicht, dass die ArbeiterInnen genug zum Leben verdienen. Ein Existenzlohn, wie ihn bspw. die Kampagne für Saubere Kleidung fordert, würde es hingegen ermöglichen, die Grundbedürfnisse wie Essen, sauberes Trinkwasser, Unterkunft, Kleider, Schule, medizinische Versorgung, Transportkosten zu decken und darüber hinaus ein frei verfügbares Einkommen zu haben, dass Sparrücklagen für größere oder unvorhergesehene Ausgaben sichert (vgl. ebd.).
 

Ist es nicht besser, beim Einkauf von Kleidung zu sparen und mehr Geld zum Spenden übrig zu haben?


Fairer einkaufen und spenden sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden. Es ist gut, zielgerichtet Projekte und Organisationen zu unterstützen. Grundsätzlich ist es nicht aber auch verkehrt, sein Konsumverhalten zu überdenken. Denn man spart beim Einkauf von billiger, nicht fair gehandelter Kleidung auf Kosten derjenigen, die sie herstellen und sowieso schon meist unter der Armutsgrenze leben.

Wenn man diese Ansicht vertritt, die in der Frage deutlich wird, könnte man sich vielleicht mit der Idee anfreunden, das Geld, das man spenden wollte, auf den „normalen“ Preis für eine Klamotte draufzuschlagen und so eine faire Klamotte zu kaufen und damit gleichzeitig die Veränderungsbewegung zu mehr Gerechtigkeit im Textilsektor bzw. die NäherInnen zu unterstützen. Wenn wir abgesehen davon gezielter und weniger einkaufen, haben wir auch mehr finanziellen Spielraum, um Hersteller zu unterstützen, die ethisch verantwortlicher handeln (siehe dazu auch S. 22ff. im Materialheft).

Warum kosten faire Kleidungsstücke mehr Geld?


„Es ist richtig, dass nachhaltige Mode nicht zum Niedrigpreis zu haben ist. Aber teurer als konventionell hergestellte Markenmode ist sie auch nicht. Wer bereit ist, für eine Jeans zwischen 80 und 120 Euro zu bezahlen, wer für ein Hemd zwischen 50 und 80 Euro ausgibt, der kann sich auch bei nachhaltigen Modelabels umschauen. Zumindest faire Freizeitbekleidung wie Sweatshirts, Hoodies, Shirts, Pullis, Jeans oder Wäsche findet man auf hohem Qualitäts- und Designniveau.“, meint Bernd Müller, Projektleiter Ethical Fashion Show Berlin und Greenshowroom, Messe Frankfurt. Außerdem sei es auch die Aufgabe für Labels und Händler, den Verbrauchern einen bequemen und einfachen Zugang zu fairer Mode zu verschaffen. Dann werde grüne Mode über kurz oder lang auch ihr Image als Luxusware ablegen.

Außerdem kann bedacht werden, dass Fast Fashion am Ende auch viel kostet – der Verschleiß setzt sich schneller in Gang und ist höher als bei einem hochwertigen, fair gehandelten und entsprechend gegebenenfalls teureren Kleidungsstück. Hier lohnt es sich, einmal grundsätzlich über das eigene Kleidungs-Konsumverhalten nachzudenken: Wie viel brauche ich eigentlich und wie oft etwas Neues?

Ist eine ethische Herstellung von Kleidung wichtiger, als dass sie gut aussieht?


Das muss sich nicht ausschließen! Es gibt mittlerweile „zahlreiche nachhaltige Modelabels für jeden Stil und in den letzten fünf Jahren sind noch einmal etliche junge Designer dazu gekommen. An vielen Modeschulen und Universitäten gehört Nachhaltigkeit mittlerweile zum Kanon und es gibt kaum eine Fashion Week, die nicht grüne Mode thematisiert. In Berlin gibt es dazu eigenständige Fachmessen wie die Ethical Fashion Show Berlin und den Greenshowroom.“

Leider scheint es an der Verfügbarkeit von Informationen über menschenwürdige Mode zu hapern bzw. fehlt oft ein Überblick über die verschiedenen Siegel. An dieser Stelle kann auf den „Wegweiser durch den Label-Dschungel bei Textilien (WearFair)“ verwiesen werden (bestellbar unter: http://www.ci-romero.de/material-details/material/ethischer-konsum/produ... , Kosten:1€), der umfassend über Logos und Standards informiert und auch hilft, andere (und zukünftige ) Labels kritisch einzuschätzen und zu hinterfragen.

Stülpen wir den Menschen in Asien nicht unsere Vorstellungen von Menschenrechten über, wenn wir uns für menschenwürdige Arbeit engagieren?


Die Universalität der Menschenrechte kann sicherlich diskutiert werden, jedoch müsste Konsens darüber bestehen, dass jeder Mensch die gleichen Grundbedürfnisse hat. Mit dem Engagement für menschenwürdige Arbeit fordern wir u.a. Löhne für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Textilbranche, die zum Leben reichen, sodass ihre Grundbedürfnisse befriedigt werden können. Dies ist mit einem Lohn von 40 bis 50 Euro im Monat bei benötigten 116 Euro  zur Befriedigung der Grundbedürfnisse definitiv nicht der Fall.

Außerdem zeigen die Reaktionen vieler NäherInnen, die unter hohem Risiko auf die Straße gehen, dass die Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen groß ist (siehe nächste Frage).

Können Arbeitsbedingungen überhaupt kontrolliert werden? Werden die meisten Näherinnen nicht aus Angst sagen, dass es ihnen eigentlich ganz gut geht?


Wenn sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen bezüglich der Arbeitsverhältnisse wie Gewerkschaftsbildung, Arbeitsverträge, Kündigungsschutz, Lohnverhandlungen, Insepktionen  usw. weiter entwickeln, wird es einfacher, schlechte Bedingungen zu benennen und sich für eine positive Veränderung einzusetzen.
 
Wie unzufrieden ArbeiterInnen mit ihrer beruflichen Situation sind, zeigt sich daran, dass sie gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen auf die Straße gehen, trotz Angst vor Repressalien und Gewalt, die leider häufig die Protestaktionen ereilen (aktuelle Berichterstattung findet sich auf der Seite der Kampagne für saubere Kleidung, Beispielartikel: http://www.saubere-kleidung.de/index.php/discounter/410-auseinandersetzu...). Sicherlich werden die ArbeiterInnen sich bei Protesten fürchten, dass sie dieses Risiko jedoch trotzdem eingehen, zeigt, wie dringlich ihre Situation ist und Veränderung bewirkt werden muss.

Sind Mindeststandards nur ein Herumdoktern an den Symptomen – müsste sich unser Weltwirtschaftssystem nicht viel grundlegender ändern?


Es wäre wünschenswert, dass sich unser Weltwirtschaftssystem ändert. Das ist aber mit einer relativ kleinen Kampagne wie dieser nicht zu leisten. Bei menschenwürdiger Arbeit im Textilsektor handelt es sich um ein akutes Thema, dem wir auch durch die Kampagne vermehrt Beachtung schenken wollen, nichtsdestotrotz sind wir uns aber auch der grundsätzlicheren Fragen bewusst. Dazu sind wir in Kampagnen-Bündnissen wie exposed oder Erlassjahr engagiert. Abgesehen davon können durch die Kampagne Menschen angesprochen und verändert werden, die sich vielleicht bisher noch nicht mit dem Themenkomplex beschäftigt haben und so zu einer gewissen Veränderung beitragen. (Außerdem tragen viele kleine Schritte zu Veränderung bei.)